01.06.2026
Ein Blick in die Geschichte des Hussitenfestes
Pressemitteilung 209/2026 der Stadt Bernau bei Berlin
Einmal im Jahr geht Bernau auf Zeitreise. Jeweils am zweiten Juni-Wochenende ziehen Gaukler und Musikanten, Landsknechte und Bauern, Bierbrauer und Waschfrauen durch die Straßen und im Stadtpark herrscht ein buntes mittelalterliches Treiben.
Es ist die Zeit des Hussitenfestes, das in diesem Jahr zum 33. Mal nach der deutschen Wiedervereinigung gefeiert wird.
Lassen Sie uns hier einen Blick zurück in die Geschichte des Festes werfen: Wer weiß denn heute schon, dass es dem Hussitenfest fast so erging wie den Olympischen Spielen? Es gibt die „alte" Geschichte, die 1957 abrupt endete, weil der damaligen Obrigkeit eine Siegesfeier über die als fortschrittlich eingestuften Hussiten nicht mehr opportun erschien. Und es gibt eine „Neuzeit", die nur zwei Jahre nach der Wiedervereinigung begann.
Schnell fand das Fest seine Fans
Das erste Hussitenfest nach der Wende wurde 1992 gefeiert. Genau 560 Jahre lag damals die überlieferte Begegnung der Bernauer mit den nicht allzu friedfertigen Anhängern des böhmischen Reformators Jan Hus zurück.
Für geschichtsinteressierte Bernauer war dies der Anlass, einen Festspielverein zu gründen und die Tradition der Hussitenfeste in der Stadt wieder aufleben zu lassen. Vorsitzender war damals Hartmut Breuer. Der Verein beauftragte eine Agentur mit der Vorbereitung des Festes. Und die Stadt unterstützte das Projekt, indem sie zwei Mitarbeiterinnen auf Basis einer ABM (Arbeitsbeschaffungsmaßnahme) einstellte, die sich dann um die Organisation vor Ort kümmerten.
Eine davon war Gabi Graetz, die den ersten Hussitenfestumzug in der neuen Zeit mit organisierte. „Eigentlich wusste damals keiner so richtig, wie wir das alles auf die Reihe kriegen sollen. Aber irgendwie lag gerade darin auch ein gewisser Reiz", erinnert sich die gelernte Damenmaßschneiderin.
Als erstes galt es, die Bernauer wieder für das Hussitenfest zu begeistern, denn schließlich hatte das bis dahin letzte Fest 35 Jahre zuvor stattgefunden. „Wir starteten Aufrufe, um Mitwirkende am Umzug und auch Sponsoren zu gewinnen, haben alle unsere Verwandten, Bekannten und Kollegen gefragt, ob sie Lust haben mitzumachen. Außerdem baten wir die Bernauer, ihre Häuser zu schmücken", erinnert sich Gabi Graetz an die aufregenden Wochen im Frühjahr und Sommer 1992.
Die ABM-Frauen studierten Chroniken, unterhielten sich mit älteren Bernauerinnen und Bernauern, stellten die einzelnen Bilder zusammen, trafen Absprachen mit Firmen, zeichneten Streckenpläne und holten Genehmigungen für Straßenbeschilderungen und Absperrungen ein.
Bürger und Firmen spendeten für das Fest. Nicht nur Geld, sondern auch Stoffe, Leder und Kleidungsstücke.
Der Neustart des Hussitenfestes glückte. Etwa 300 Beteiligte brachten im Umzug am 5. September 1992 Tausenden Schaulustigen in etwa 30 bewegten Bildern die wechselvolle Geschichte Bernaus nahe.
„Die ersten beiden Feste waren zum Üben da"
„Die ersten beiden Feste waren zum Üben da", erinnert sich der einstige Leiter des Heimatmuseums und Chef der Mittelaltergruppe „Bernauer Briganten" Bernd Eccarius. Sie bestanden vor allem aus einem Festumzug durch die Innenstadt und einem Programm im Stadtpark.
Die Musikanten der Gruppe Spilwut haben dort auf einer „Mittelalterinsel" gespielt. Drum herum gab es ein eher neuzeitliches Vergnügen mit vielen Marktständen und Rummel. Die Briganten, eine Gruppe von Freizeit-Schwertkämpfern, waren mit einigen Fechtdarbietungen dabei.
„Am ersten Fest-Wochenende habe ich Kontakte zu einer tschechischen Mittelaltergruppe geknüpft, die mit Spilwut in Bernau war", erinnert sich Bernd Eccarius. Bald darauf ist er nach Tschechien gefahren und hat sich auf einer Burg in der Nähe von Prag ein Mittelalterfest angesehen. „Dort haben ein paar hundert Leute in Rüstungen und Kostümen Mittelalter gelebt. So etwas kannten wir damals noch gar nicht", sagt Eccarius. Für ihn stand fest: So ein zünftiges Fest soll es auch in Bernau geben.
Und daran haben der Bernauer Museumschef und seine Mannen intensiv gearbeitet. Bei dem völlig verregneten Fest im Jahr 1993 gab es schließlich einen richtigen Mittelaltermarkt und die erste „Schlacht", in der die historisch überlieferte Begegnung der Bernauer Bürger mit den Hussiten nachgespielt wurde – allerdings mit so mancher Panne. „Da haben wir vor allem gelernt: Wir müssen erstmal üben", erinnert sich Eccarius. Und das haben die Briganten dann auch getan, bis sie 1997 in die zweite Schlacht vor den Toren von Bernau zogen.
Stadtverwaltung nahm das Zepter in die Hand
Relativ schnell wurde auch klar: Die Idee, das Fest von einer Veranstaltungsagentur organisieren zu lassen, war keine gute. „Das Management der Agentur hat ein Fest hingestellt, das so überall hätte stattfinden können. Die Bernauer hatten kaum Chancen, ihre eigenen Vorstellungen umzusetzen", erinnert sich Bibliotheksleiterin Gabriele Karla, die damals im Kulturamt tätig war. Obwohl die Stadt das Fest finanziell unterstützte, hatte sie keinen Einfluss auf das Geschehen.
Das wurde 1994 grundlegend geändert. Die Stadt wurde selbst Veranstalter. Gabriele Karla nahm die Organisation in die Hände. Neben dem Kulturamt wurden auch der Bauhof, die Pressestelle, die Tourist-Information, das Ordnungsamt und andere Ämter der Stadtverwaltung an der Organisation beteiligt. Dieses Zusammenspiel funktioniert bis heute gut. Der Mittelalterbereich im Stadtpark wurde stetig ausgeweitet, später auch die Innenstadt in das Festgeschehen einbezogen. Der Marktplatz wurde zum Töpfermarkt.
Das Festspiel am Samstagabend
Vor allem Bernd Eccarius und die damalige Chefin der Freizeitwerkstatt FRAKIMA, Petra Skovholm, gaben dem Fest ein neues Gepräge. Mit viel Ideenreichtum gestalteten sie das Programm. Zum Höhepunkt wurde das Festspiel im Park. Die dort aufgeführten Stücke hatte Petra Skovholm den Bernauer Akteuren auf den Leib geschrieben, mit ihnen geprobt und dann unter großem Beifall auf der Bühne präsentiert. Die Regisseurin selbst trat als mittelalterlicher Narr nach dem Vorbild Till Eulenspiegels auf.
„Als Petra Skovholm 1999 der Liebe wegen nach Dänemark zog, hinterließ sie eine große Lücke", erinnert sich Sabine Oswald-Göritz, die damals zusammen mit Martina Salow die Organisation des Festes übernahm. Fünf Jahre lange gab es noch Samstagabend-Festspiele mit der FRAKIMA. Dann musste eine völlig neue Idee entwickelt werden.
Die Stücke schreibt seitdem Holger Herzog von der Mittelaltergruppe Trivium. Mit Laienschauspielern wie Schülern vom Paulus-Praetorius-Gymnasium studierte Regisseur Victor Choulmann die Stücke ein und führte sie auf. Mit dabei waren auch Chöre unter Leitung von Wilfried Staufenbiel. 2011 hat Holger Herzog auch die Regie übernommen.
Eine Zeitreise in die Geschichte
Großer Andrang herrscht am zweiten Juni-Wochenende alljährlich im Stadtpark mit dem mittelalterlichen Heerlager und Markt, mit Reiter- und Fußturnieren, Gauklern und Musikanten, Sängern und Tänzern. Mittelalter-Enthusiasten laden zu einer Zeitreise in die Geschichte ein. Dabei waren in all den Jahren die FRAKIMA, der Bernauer Bader, die Hexe Spinnebein, Trivium, die Theatergruppe Cassalera, Evocatum, die Fugeros-Jongleure, Lawidu, der Bernauer Drachen und viele andere.
Das Festprogramm wurde unter der Federführung von Sabine Oswald-Göritz immer ausgefeilter, vielfältiger und auch kinderfreundlicher. Auf zwei Bühnen treten Laien- und professionelle Künstler auf. Nicht nur im Park, auch auf dem Marktplatz, an der Bürgermeisterstraße und rund ums Mühlentor wird getanzt und gelacht.
Der Festumzug mobilisiert die ganze Stadt
Der Festumzug jeweils am Samstagvormittag ist in den vergangenen Jahren immer größer und opulenter geworden. Mehr als 1.600 Teilnehmer lassen inzwischen in rund 60 lebendigen Bildern die Stadtgeschichte Revue passieren.
Vorneweg marschiert stets der Herold mit Stadtfahne, es folgen die Bierbrauer, die Hussiten, die Schützengesellschaft, die Feuerwehr, der „Zickenschulze" aus Bernau, der Anfang des 20. Jahrhunderts von Fredy Sieg besungen wurde, und viele, viele andere. Für besondere Aufmerksamkeit sorgt oft das Umzugsbild des Henkers, dessen grausiges Wirken im Auftrag der mittelalterlichen Gerichtsbarkeit noch heute Garant für Angst und Schrecken ist.
Die meisten Akteure im Festumzug haben inzwischen ihre eigene Ausrüstung und eigene Kostüme. Andere bekommen diese aus dem städtischen Fundus.
Zum Gelingen des Hussitenfestes hat in all den Jahren neben dem Festspiel- auch der Heimatverein mit seinem Vorsitzenden Horst Werner beigetragen: mit Bildern im Festumzug, eigenen Festschriften und bei der Eröffnungsveranstaltung.
Höhepunkt am Sonntag: „Die Schlacht vor Bernau"
Alljährlicher Höhepunkt am Hussitenfest-Sonntag ist nach wie vor „Die Schlacht vor Bernau", aufgeführt von den Briganten sowie ihren deutschen und tschechischen Freunden. Ein Geschichtenerzähler berichtet, wer die Hussiten eigentlich waren, woher sie kamen und wie sie 1432 mit ihren Pferden und Schlachtwagen schließlich die Mark Brandenburg erreichten und dabei auch vor die Kleinstadt Bernau zogen.
Dann gibt es ein spannendes Vorspiel mit Tanz und der berühmt-berüchtigten Bierprobe, mit der einst die Qualität des an vielen Orten in der Stadt gebrauten Bieres getestet wurde. Nur wenn der mit Bier getränkte Hocker am Hosenboden des Testers festklebte, galt es als stark und gut genug, so die Überlieferung. Eine Probe, die ein neuzeitliches Bier heute kaum noch bestehen dürfte.
Es folgen schließlich die dramatischen Höhepunkte der „Schlacht vor Bernau": drei Angriffe der Hussiten auf die Stadtmauer, die allesamt scheitern – und dann mit viel Getöse und Kanonendonner die Schlacht vor Bernau. Das alles wird mit einem Augenzwinkern und viel Theatralik erzählt: Denn wirklich historisch belegt, ist diese Schlacht nicht.
In den zurückliegenden Jahren hatten wechselnde Mitarbeiterinnen den Hut auf bei der Organisation des Hussitenfestes, unter ihnen die jetzige Amtsleiterin des Kulturamts, Franziska Radom. „Wir versuchen, immer wieder Neuerungen einzuführen, damit es interessant bleibt. Tradition spielt eine große Rolle bei so einem Stadtfest. Man muss es nicht neu erfinden, aber an mancher Stellschraube kann gedreht werden", sagt Franziska Radom.
Dank des Engagements Tausender ist das Hussitenfest zu einem Markenzeichen der Stadt geworden. Viele Akteure hätten an dieser Stelle ein Dankeschön verdient. Da das leider nicht möglich ist, sei zumindest noch ein Name genannt: Eva Maria Rebs. Sie hat sowohl als langjährige Vorsitzende des Festspielvereins als auch in leitender Stellung bei der Stadt entscheidend dazu beigetragen, dass das Fest zu dem wurde, was es heute ist: ein Fest der Bernauer für die Bernauer und ihre Gäste.
Warum feiert Bernau das Hussitenfest?
1432 führten die Hussiten einen Feldzug gegen die Mark Brandenburg und gelangten auch nach Bernau. Was vom 23. bis 27. April geschah, lässt sich jedoch nicht genau sagen. Eine kleinere Abteilung wird versucht haben, Bernau auf ihrem Streifzug einzunehmen. Dies gelang nicht und so waren die Bernauer über den Abzug der Hussiten natürlich froh. Sie dankten Gott und feierten. Die Form des Feierns hat sich über die Jahrhunderte verändert. Aus Dankprozessionen wurden Volksfeste, Festumzüge und Festspiele. Lange Pausen in der Tradition und ideologische Vereinnahmungen des Festes veränderten sein Gesicht und ließen es fast in Vergessenheit geraten. 1992 wurde es neu belebt. Mit vielen Freunden aus der tschechischen Republik feiern wir heute jedoch nicht den Sieg über die Hussiten, sondern dass unsere Stadt nicht zerstört wurde.
Das Programm des diesjährigen Hussitenfestes ist in der Mai-Ausgabe des Stadtmagazins #Bernauer erschienen und liegt an zahlreichen Orten in der Innenstadt als übersichtlich gestalteter Flyer aus.