Das Fragenbuch des Bernauer Handwerker-Vereins
Im umfangreichen Bestand des Stadtarchivs Bernau finden sich immer wieder Schriftstücke, die Rätsel aufgeben. Während der Erschließung der Akten des Handwerker‑Vereins stieß die studienbegleitende Praktikantin Joelle Praß auf ein besonders ungewöhnliches Dokument: das Fragenbuch des Bernauer Handwerker‑Vereins.
In den 1860er‑Jahren wurden darin 565 Fragen unterschiedlichster Art gesammelt – einige davon mit kurzen Antworten versehen. Schon diese Tatsache wirft neue Fragen auf: Warum führte der Verein ein solches Buch? Und weshalb beziehen sich viele Einträge kaum auf handwerkliche Themen?
Auf den ersten Blick erinnert das Buch an den Entwurf eines Lexikons. Die Themen reichen von Naturwissenschaften über Kunst und Geschichte bis hin zu philosophischen Überlegungen. Fragen wie „Sind die Sterne von lebenden Wesen bewohnt?" oder „Was ist der Stegreif?" zeigen die erstaunliche Bandbreite der Neugier. Im ersten Teil des Buches finden sich kurze Antworten – etwa auf die Frage „Wo bleiben im Winter die Störche?", die mit dem knappen Hinweis: „Es sind Zugvögel" beantwortet wird.
Der Handwerker‑Verein wurde 1861 nach zehnjähriger Unterbrechung – ausgelöst durch politisches Engagement – wiederbelebt und widmete sich erneut seinem ursprünglichen Bildungsauftrag. Sein Zweck bestand darin, „allgemeine Bildung, tüchtige Berufskenntnisse und gute Sitte unter seinen Mitgliedern zu befördern". Vorträge, Gesang, Besprechungen und Unterricht prägten das lebendige Vereinsgeschehen.
Welche Rolle das Fragenbuch in diesem Kontext spielte, bleibt offen. Diente es als Sammlung möglicher Vortragsthemen? Handelte es sich um Mitschriften aus Bildungsveranstaltungen? Reichten Vereinsmitglieder ihre Fragen schriftlich ein oder wurden sie mündlich gestellt und anschließend notiert?
Über den genauen Hintergrund lässt sich nur spekulieren. Fest steht jedoch: Das Buch eröffnet einen faszinierenden Einblick in die Wissenswelt des Handwerker‑Vereins. „Das Fragenbuch zeigt, wie groß die Neugier und der Wissensdurst der Vereinsmitglieder gewesen sein muss. Selbst wenn nicht jede Frage beantwortet wurde, beweist es, dass Bildung und Staunen eng zusammengehören", erläutert Joelle Praß, die ein studienbegleitendes Praktikum im Stadtarchiv Bernau absolvierte. Das Fragenbuch erinnert daran, dass Neugier ein Motor des Lernens ist – damals wie heute.
Eine Nutzung des Stadtarchivs ist nach schriftlicher Anfrage möglich. Anfragen können per E-Mail gerichtet werden an stadtarchiv@bernau-bei-berlin.de oder per Post an Stadtarchiv Bernau bei Berlin, Breitscheidstraße 43 c, 16321 Bernau bei Berlin.