Stolpersteine Berliner Straße
Die folgenden Biografien wurden von Schülerinnen und Schülern der Stolperstein-AG des Paulus-Praetorius-Gymnasiums (Klassenstufe 9 und 10) sowie der Georg-Rollenhagen-Grundschule in rund einjähriger Recherchearbeit und zweiwöchentlichen Treffen zusammengetragen.
Berliner Straße 29: Familie Schweriner
An dieser Stelle – in der Berliner Straße 29 – befand sich einst das „Berliner Kaufhaus" der jüdischen Familie Schweriner. Hinter der Fassade verbirgt sich eine Geschichte, die von kaufmännischem Pioniergeist erzählt, aber auch von frühem Terror, erzwungener Trennung und dem gewaltsamen Ende im Holocaust.
Die Wurzeln der Familie Schweriner lagen im ehemaligen Kreis Birnbaum im heutigen Polen (Posen). Diese Region gilt als die Wiege der modernen Kaufhauskultur: Von hier aus begründeten jüdische Unternehmer wie Tietz, Schocken, Wertheim oder Ury ab dem späten 19. Jahrhundert eine völlig neue Form des Einkaufens in ganz Deutschland. Nach dem Ersten Weltkrieg, den Bestimmungen des Versailler Vertrags von 1919 und der anschließenden Teilung Posens sahen sich viele deutsch-jüdische Familien gezwungen, nach Westen abzuwandern.
So kamen auch der Kaufmann Magnus Schweriner und seine Frau Pauline mit ihren neun Kindern Anfang des 20. Jahrhunderts nach Berlin. Einer ihrer Söhne, Georg Joseph Schweriner, zog um 1925 gemeinsam mit seiner Ehefrau Minna und den beiden Söhnen Heinz Werner und Gerhardt Günther nach Bernau. In der Berliner Straße 29 (damals Hausnummer 125) gründeten sie das „Berliner Kaufhaus".
Doch die Hoffnung auf ein friedliches Leben währte nicht lang. Bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten – besonders in den Jahren der Weltwirtschaftskrise – waren jüdische Menschen Hetze und körperlicher Gewalt ausgesetzt. Georg Schweriner traf dieser Hass mit voller Härte: Nach Erinnerungen seines Sohnes Gerhardt erlag er am 2. Januar 1933 im Krankenhaus Bernau den Folgen eines gewaltsamen Angriffs der Sturmabteilung (SA). In der Lokalzeitung, dem Niederbarnimer Kreisblatt, erschien am 4. Januar 1933 lediglich eine verschleiernde Todesanzeige: „Nach langem Leiden verschied plötzlich am 2. Januar unser liebevoller Vater, Onkel, Ehemann, Sohn, der Kaufmann Georg Schweriner."
Mit der Machtübernahme ab 1933 intensivierten sich die Schikanen systematisch. Der landesweite Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933, die 1935 in Bernau aufgestellten Hetzschilder („Juden sind in Bernau unerwünscht") sowie Kontensperrungen und Willkürsteuern machten die Weiterführung des Kaufhauses schließlich unmöglich.
Die Söhne suchten verzweifelt nach Auswegen: Gerhardt Schweriner, der zweite Sohn, lebte seit 1933 ohne feste Adresse in Berlin. Ende 1938 heiratete er seine nicht-jüdische Frau Elisabeth in Berlin-Karlshorst – ein Pfarrer hatte sich erst nach langer Suche bereit erklärt, die Trauung zu vollziehen. Nach der Ausbürgerung und Einstufung als „staatenlos" gelang beiden am Tag nach der Hochzeit die Flucht nach Australien. Heinz Schweriner wohnte bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 mit seiner Mutter Minna und seiner ebenfalls jüdischen Frau Elfriede in Bernau. Ihm gelang die Flucht über Holland und England nach Australien. Seine Frau Elfriede musste er jedoch zurücklassen – sie wurde im März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Die Mutter und Witwe Minna Schweriner musste Bernau 1939 ebenfalls verlassen. Sie zog nach Berlin-Karlshorst, um ihren erblindeten Schwager zu pflegen, dem – wie allen jüdischen Bürgerinnen und Bürgern ab 1939 – jegliche medizinische Versorgung verweigert wurde.
Anfang 1943 griff die NS-Bürokratie endgültig nach Minna: In ihrer Vermögenserklärung vom 4. Januar 1943 waren keinerlei persönliche Gegenstände mehr aufgeführt. Der Gerichtsvollzieher vermerkte im Protokoll zynisch: „Fruchtlose Bewertung."
Minna wurde in das Sammellager der Gestapo in der Großen Hamburger Straße in Berlin gebracht – ein Zwischenstopp für mehr als 50.000 Menschen auf dem Weg in den Tod. Am 12. Januar 1943 wurde Minna Schweriner mit dem „26. Osttransport" in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Sie hat nie wieder ein Lebenszeichen hinterlassen.
Heute erinnert in Bernau leider nichts mehr an die Familie Schweriner und ihr Kaufhaus in der Berliner Straße.
Berliner Straße 43: Familie Heymann
An dieser Stelle – in der Berliner Straße 43 – befand sich einst das Kaufhaus der jüdischen Familie Heymann. Ihre Wurzeln in Bernau reichen tief zurück, denn die Familie Heymann (in früheren Dokumenten auch Heydemann) lässt sich in der Stadt seit Mitte des 19. Jahrhunderts nachweisen. Zudem gehörte sie 1855 zu den Mitbegründern der örtlichen Synagogengemeinschaft.
Um die Jahrhundertwende gründete Siegmund Heymann in der Berliner Straße 43 ein Herrenkonfektionsgeschäft, das sein Bruder Fritz Heymann um 1930 weiterführte. Etwa in dieser Zeit übernahm Fritz' Neffe, Fritz David Heymann, gemeinsam mit seiner Ehefrau Meta die Regie des Kaufhauses.
Spätestens die Gewalt der Pogromnacht im November 1938 bedeutete das endgültige Aus für das Traditionsgeschäft. Der systematische Entzug der Lebensgrundlage zwang das Ehepaar ab 1939 in die körperliche Schwerstarbeit: Fritz David musste als Arbeiter in einer Berliner Kiesgrube schuften, Meta als Lumpensortiererin in der Berliner Weinbergstraße. Ab Januar 1942 spitze sich ihre Wohnsituation drastisch zu, als sie in eine winzige Hinterhofkammer mit Küchennutzung in der damaligen Horst-Wessel-Straße (der heutigen Breitscheidstraße) nahe dem Bernauer Bahnhof eingepfercht wurden. Diese spärliche Behausung mussten sie sich mit zwei weiteren jüdischen Bernauerinnen teilen, Regina Salomon und deren Mutter Theresa.
Wie akribisch der NS-Staat die Betroffenen vor ihrer Deportation ausraubte, zeigen die behördlichen Akten: Nach einer erzwungenen Vermögenserklärung vom 3. April 1942 besaßen Meta und Fritz David Heymann nur noch 50 Reichsmark. Ein Bankkonto hatten sie nicht mehr. Ihre wenigen verbliebenen Möbelstücke wurden für spottbillige 141,75 Reichsmark an eine Händlerin veräußert. Sogar das Fahrrad von Fritz David beschlagnahmte die Polizei bereits im März 1942 – vorauseilend, noch bevor im Juni 1942 das allgemeine Verbot für jüdische Bürger erging, Fahrräder zu besitzen.
Am 13. April 1942 wurden Fritz David und Meta Heymann zusammen mit zehn weiteren Bernauerinnen und Bernauern – den Familien Lehmann, Schuster und Salomon – abgeholt. Die Kinder der Familie Lehmann schilderten diese dramatischen Stunden später in der Koch-Chronik:
„Am 13. April 1942, morgens 5 Uhr klingelte es an unserer Wohnungstür in Bernau: ‚Fertigmachen zum Abtransport nach Berlin!' Jeder durfte einen Handkoffer und einen Rucksack mitnehmen. Die Polizei blieb im Hause, bis wir unsere wenigen Sachen in aller Eile gepackt hatten. Dann ging es zum Marktplatz, wo noch mehrere Bernauer, die unter die Nürnberger Gesetze fielen, bereitstanden.
Wir wurden mit dem Lastauto nach Berlin befördert und blieben in der großen Synagoge in der Levetzowstraße unter schärfster Bewachung der SS. Hier mussten unsere Eltern sämtliches Geld und die Wertsachen zurücklassen. Die SS drohte: wer nichts abgibt, wird erschossen. Später wurde ein Transport von etwa 750 Menschen zusammengestellt, um einem unbekannten Ziel entgegenzufahren. Auf dem Bahnhof wurden die Türen der überfüllten Güterwagen verschlossen.
Nachdem wir etwa 5 Tage mit häufigen Unterbrechungen unterwegs waren, hielt der Zug auf dem Warschauer Güterbahnhof. Man trieb uns mit Peitschenhieben aus dem Zuge heraus. Alte, gebrechliche Leute und kleine Kinder schrien wie wild durcheinander. Später kamen wir ins Warschauer Ghetto ..."
Im Warschauer Ghetto vegetierten Mitte 1942 rund 450.000 Menschen auf unvorstellbar engem Raum von nur 300 Hektar – was nicht einmal der Hälfte der Fläche des Bernauer Ortsteils Schönow mit seinen damals rund 7.000 Einwohnern entspricht. Im Sommer 1942 gerieten Meta und Fritz David Heymann höchstwahrscheinlich in eine der gefürchteten Großrazzien. Allein zwischen Juli und August 1942 deportierte die SS rund 275.000 Menschen aus Warschau direkt in das Vernichtungslager Treblinka, wo täglich 6.000 bis 7.000 Ankommende unmittelbar nach der Ankunft in den Gaskammern ermordet wurden.
Fritz Heymann, der Onkel, war im April 1942 zunächst in das jüdische Altenheim Radinckendorf bei Beeskow gebracht worden. Am 3. Oktober 1942 wurde er nach Theresienstadt deportiert, wo er unter den dortigen Bedingungen bis 1944 überlebte. Am 15. Mai 1944 überstellte man ihn schließlich in das Vernichtungslager Auschwitz. Als Über-50-Jähriger galt er dort nach der NS-Ideologie als „arbeitsunfähig" und wurde aller Wahrscheinlichkeit nach direkt nach der Ankunft getötet.
Auch wenn das NS-Regime die Familie Heymann in Bernau auslöschte, überlebten einige Verwandte den Holocaust: Eine Cousine und deren Familie flüchteten nach Israel. Heinz Leibel, der Sohn von Fritz David aus erster Ehe, lebte in Berlin. Er wurde im März 1943 mit seiner Frau Margarete nach Auschwitz deportiert; während Margarete getötet wurde, überlebte Heinz ebenso wie die Kinder seiner Frau aus erster Ehe die Schrecken des Lagers. Heinz Leibel wanderte 1949 nach Sydney in Australien aus und führte ab 1961 von dort aus einen jahrelangen Kampf um Entschädigung für den geraubten Berliner Hausrat. 1968 erhielten er und seine Söhne schließlich knapp 10.000 D-Mark zugesprochen – 1943 hatte die NS-Bürokratie diesen Haushalt auf zynische 60 Reichsmark geschätzt, während der Bernauer Hausrat seines Vaters damals mit 141 Reichsmark taxiert worden war.
Das Schicksal der Heymanns steht stellvertretend für ein kollektives Verbrechen aus Beraubung, Ausgrenzung und Mord. Heute erinnert vor Ort in der Berliner Straße 43 nichts mehr an das einst von ihnen geführte Kaufhaus.