Mühlenstraße 1-2

Auf dem Bild sieht man zwei goldfarbene Stolpersteine im Gedenken an das Ehepaar Rosa und Julius Marcus. Rosen wurden dort abgelegt.
Die Stolpersteine in der Mühlenstraße erinnern an das Ehepaar Rosa und Julius Marcus.

Mühlenstraße 1–2: Ehepaar Rosa und Julius Marcus
An dieser Stelle – in der Mühlenstraße 1–2 – befand sich einst das Modehaus von Rosa Marcus. Gemeinsam mit ihrem Mann Julius wohnte sie hier bis zu der verhängnisvollen Pogromnacht im Jahr 1938. Es war der Ausgangspunkt eines Leidensweges, der für beide Anfang März 1943 mit der Deportation nach Auschwitz und ihrer Ermordung endete.

Die Spuren der Familie Marcus in Bernau reichen weit zurück – sie lassen sich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts nachweisen. Rosa selbst wurde 1903 als Rosa Itzig im damaligen Rogowo nahe Poznań geboren. Mit ihrem Damenmodekaufhaus schuf sie eine Besonderheit in der Stadt: Es war das einzige Bernauer Kaufhaus, das von einer Frau geführt wurde.

Ihr Mann Julius Marcus kam 1894 in Berlin zur Welt. Im Jahr 1922 gründete er ein Großhandelsgeschäft für Damenmäntel in der Rosenthaler Straße 40–41, den heutigen Hackeschen Höfen. Wann und wo sich die Wege von Rosa und Julius zum ersten Mal kreuzten, ist nicht überliefert. Es liegt jedoch nahe, dass sie sich über die Modeindustrie der Weimarer Republik kennengelernt haben. Diese Branche erlebte damals eine Blütezeit, die wesentlich von rund 10.000 jüdischen Unternehmen geprägt wurde – sie waren Vorreiter für preiswerte, innovative Konfektionsmode und eröffneten vielen Frauen neue Karrierewege sowie Schritte zur Gleichberechtigung. Dennoch war Rosas Weg als Unternehmerin eine seltene Ausnahme: Nur etwa fünf Prozent der Frauen besaßen damals ein eigenes Geschäft. 1931 heirateten Rosa und Julius in Berlin-Neukölln und schlugen in Bernau ihre gemeinsamen Wurzeln.

Erinnerungen von Freunden und Verwandten zeichnen das Bild eines glücklichen, wohlhabenden Lebens: Die Familie Marcus führte in Bernau ein sehr gut gehendes Geschäft und bewohnte eine äußerst komfortabel eingerichtete Wohnung. Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 begann die systematische Entrechtung. Durch Boykotte, diskriminierende Gesetze und gezielte Ausgrenzung wurden jüdische Betriebe Schritt für Schritt in den Ruin und die Enteignung getrieben.

Im März 1938 beantragte die Industrie- und Handelskammer die Löschung von Julius' Damenmantel-Geschäft aus dem Handelsregister. In Bernau folgte wenig später die gewaltsame Zerstörung: In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden Rosas Geschäft in der Mühlenstraße 1–2 und sehr wahrscheinlich auch die gemeinsame Wohnung verwüstet. Das Tagebuch der ortsansässigen Schutzstaffel (SS) hält für den 10. November 1938 knapp fest: „Judenaktion. 4 Kaufläden von der Bevölkerung zerstört."

Ab 1939 lebten Rosa und Julius in der Wohnung von Julius' bereits verstorbenen Eltern in der Berliner Levetzowstraße 12a. Die Enge dort nahm immer weiter zu, als ihnen später mindestens eine weitere jüdische Familie zwangsweise zugewiesen wurde. Beide mussten nun Zwangsarbeit leisten – Julius bei der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik in Borsigwalde, Rosa bei der HAGEDA AG, einem Pharmahändler (der heute als PHOENIX Group der größte Pharmahändler Deutschlands ist).

Von ihrer Wohnung aus wurden sie Zeugen des fortschreitenden Grauens: Nur knapp 300 Meter entfernt diente die Synagoge Levetzowstraße ab 1941 als Sammellager. Tag für Tag erlebten sie mit, wie Tausende jüdische Menschen dort zusammengetrieben, ihres letzten Habguts beraubt und auf die Transporte in die Vernichtungslager geschickt wurden.

Am 28. Februar 1943 traf es sie selbst: Rosa und Julius mussten eine Vermögenserklärung abgeben und den Weg in das Sammellager Synagoge antreten. Am 2. und 3. März 1943 wurden sie nacheinander im 32. und 33. „Osttransport" – zusammen mit insgesamt 3.600 Menschen in Viehwaggons – nach Auschwitz deportiert und dort höchstwahrscheinlich unmittelbar nach der Ankunft ermordet.

Die bürokratische Akribie des NS-Staates machte selbst vor den kleinsten Beträgen nicht halt: Ihre letzten Löhne – 45,66 Reichsmark für Julius und 8,28 Reichsmark für Rosa – wurden ebenso wie ihr Sparguthaben und die Wohnungseinrichtung pfenniggenau erfasst und „zu Gunsten des Deutschen Reiches" eingezogen. Auch private Unternehmen profitierten: Die Allianzversicherung stellte im Mai 1943 die fällige Lebensversicherung von Julius bereitwillig dem Staat zur Verfügung.

Das Schicksal der Familie war ein weitreichendes Trauma: Auch Julius' Schwestern Margarete und Lucie Rosa wurden 1943 nach Auschwitz deportiert und kamen dort um. Überleben konnten nur drei Söhne aus Julius' erster Ehe sowie Rosas Bruder und Schwester, denen die Flucht in die USA und nach Israel gelang.

In den 1950er- und 1960er-Jahren kämpften die Überlebenden um Entschädigung. In West-Berlin erhielten sie schließlich zumindest für die Berliner Wohnung und den Schmuck von Rosa Ausgleichszahlungen. Anträge auf Entschädigung für die Wohnung und das Geschäft in der Bernauer Mühlenstraße 1–2 wurden jedoch abgelehnt – mit der Begründung, diese seien nicht vom Staat beschlagnahmt, sondern während der Pogromnacht in Bernau „geplündert und zerstört" worden. Die DDR wiederum verweigerte jegliche Entschädigungszahlungen für die materiellen Verluste der jüdischen Opfer vollständig.

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