03.06.2026
Museumsgeschichten aus Bernau: Der Pikenier-Harnisch
Pressemitteilung 216/2026 der Stadt Bernau bei Berlin
Jedes Museum steckt voller Geschichten. Spannende, kuriose, rührende Ereignisse verbergen sich hinter den Ausstellungsstücken im Museum im Steintor, im Museum im Henkerhaus und im Stadtarchiv. In der Serie „Museumsgeschichten aus Bernau" stellt das Team des Museums Bernau jeweils ein Objekt in den Mittelpunkt und erzählt seine Geschichte.
Der Pikenier-Harnisch
Objekt 9 von 470 im Steintor
Wer die Rüstkammer im Museum im Steintor betritt, steht plötzlich mitten in einer Zeit, in der lange Spieße das Schlachtfeld bestimmten und eiserne Platten über Sieg oder Niederlage entscheiden konnten. Zwischen all den Rüstungen sticht ein Stück besonders hervor: der Pikenier-Harnisch aus dem 17. Jahrhundert. Er wirkt schlicht und erzählt doch von einer ganzen Epoche.
Pikeniere kamen am Ende des 15. Jahrhunderts auf und entwickelten sich bis zum Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) zu einer der wichtigsten Truppengattungen, die zusammen mit den Musketieren das Bild des Schlachtfelds dominierten. Während die Musketiere den Feind aus der Ferne bekämpften, schützten die Pikeniere diese vor Nahkampfangriffen der Infanterie und Reiterei. Namensgebend für die Pikeniere war ein langer Spieß - die Pike, die vier bis sechs Meter lang war und so Feinde auf Distanz halten konnte.
Ein Pikenier-Haufen bestand aus mehreren Reihen an gerüsteten Fußknechten, von denen meist die ersten drei Reihen ihre Waffen auf den Feind richteten. Dadurch entstand eine Front aus Piken, die der Gegner nur schwer durchdringen konnte. Wurde ein Pikenier der ersten Reihen verwundet oder getötet, konnte gleich ein anderer aus den hinteren Reihen aufrücken und so die Lücke schließen.
Der Pikenier-Harnisch im Steintor besteht aus einer Brust- und einer Rückenplatte aus Eisen. An der Brustplatte sind hängend zwei „Beintaschen" angebracht. Diese Eisenplatten schützten im Kampf den unteren Bauch und die Hüfte des Pikeniers. Damit ersetzen sie die Bauchreifen der Harnische des 15. und 16. Jahrhunderts.
Die meisten Pikenier-Harnische wurden in Massenproduktion, in Standardgrößen gefertigt und konnten so nicht an den individuellen Träger angepasst werden. Deshalb haben die Schulterriemen des Harnischs mehrere Löcher, die es ermöglichten, die Größe des Harnischs einzustellen. So konnten verschieden große Träger denselben Harnisch tragen. „Eine Folge der billigen und massenweisen Herstellung war auch das dünne Material, aus dem die Harnische gefertigt wurde. Diese konnte wahrscheinlich Hieb- und Stichwaffen abwehren, Kugeln von Musketen und Pistolen hielten sie jedoch meist nicht stand", erläutert Evan Lieckfeldt, der ein Praktikum im Museum Bernau absolvierte.
Der dazugehörige Kopfschutz wird heute meist Schützenhaube genannt, eine typische Helmform dieser Zeit. Er ist rundlich bis oval geformt und hat einen Schirm, der um den gesamten Helm herum geht. Markant ist der „Kamm" auf dem Helm, der ihn zum einen verstärkt und zum anderen Schläge auf den Kopf ablenkte. „Außerdem ist der Helm schwarz gefärbt. Dies wurde oft bei günstig hergestellten Rüstungen der Zeit gemacht, um sie vor Rost zu schützen", ergänzt der ehemalige Praktikant.
So steht der Pikenier-Harnisch im Museum im Steintor heute nicht nur als Ausstellungsstück, sondern als stiller Zeuge einer Zeit, in der eiserne Disziplin und lange Spieße das Schlachtfeld prägten.
Geöffnet ist das Museum im Steintor dienstags bis freitags von 9 bis 12 Uhr und von 14 bis 17 Uhr, samstags, sonntags und feiertags von 10 bis 13 Uhr und 14 bis 17 Uhr.